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Abgesehen vom seltenen Phänomen der Body Identity Integrity Disorder, wird
ein menschlicher Körper als unvollständig angesehen, wenn Glieder oder
Körperteile (die sonst jeder normale Menschenkörper besitzt) fehlen.
Ein einbeiniger Mensch ist ein grotesker Anblick, und nicht weil das
unserer Sehgewohnheit widerspricht, sondern weil wir, Tiere einer Art, uns
alle als gleich empfinden und ein Einbeiniger einerseits uns gleich ist,
andererseits aber auch nicht, nämlich unvollständig. Daher vielleicht auch
die Befangenheit Invaliden gegenüber, wenn man nicht in täglichem Umgang
daran gewöhnt ist.
Für Menschen mit Amputationen ist das Gefühl der Unvollständigkeit des
eigenen Körpers natürlich am Anfang (nach dem Trauma) besonders stark und
verringert sich, so vermute ich, mit der Zeit. Das hängt natürlich auch vom
Ausmaß der Verstümmelung, der eigenen Persönlichkeit und der
gesellschaftlichen Umgebung der Person ab. Ich weiss von jemandem, der eine
geringfügige Amputation erlebt hat, daß das Gefühl der Unvollständiglkeit
des eigenen Körpers, daß etwas fehlt, mit der Zeit vollständig verschwunden
ist, und daß er nur daran erinnert wird, wenn Kinder fasziniert die
Amputationsstelle entdecken - weil Kinder ihr Interesse oder Erstaunen
unverhohlen zeigen. Das Gefühl der Körperunvollständigkeit stellt sich auch
nicht mehr ein, wenn er seine Amputationsstelle selbst betrachtet.
Eine Verstümmelung erscheint grotesk, erschreckend (erinnert einen daran,
das Verstümmelung möglich ist, und daß das einem auch selbst passieren
kann), aber nicht häßlich, hat erstaunlicherweise wenig mit Körperschönheit
zu tun, möglicherweise, weil der Körper (das Nicht-Fehlende) als Maßstab
auch für das Fehlende genommen wird.
Das Gefühl des Grotesken wird von keinem "wohlerzogenen" und in die
Gesellschaft integrierten Erwachsenen geäußert oder zugegeben, was mit der
Vermeidung von Diskrimination zu tun hat, nehme ich an. |
Body Identity Integrity Disorder (BIID) Network
Body Identity Integrity Disorder wurde früher als Apotemnophilia bezeichnet
und ist eine psychologische Konditionierung von Menschen, die den Drang zur
Amputation wichtiger Körperglieder wie Beine oder Arme haben (Self Demand
Amputation), um sich - paradoxerweise - integer, vollständig zu fühlen.
Der Begriff der Verstümmelung (von Stummel) bedeutet eigentlich dasselbe
wie "Unvollständig-Machung" oder "Entvollständigung". Er impliziert immer,
daß etwas vor der Verstümmelung vollständig war und danach nicht mehr.
Die Herkunft des Fotos ist mir unbekannt. |