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Eine Person hat mir berichtet, daß sie oder
er eine "unrechte" Tat verübt habe. Ich werde als Zeuge vernommen. Soll ich
die Wahrheit sagen, oder meinen Freund schützen?
Die "richtige Entscheidung" [dazu weiter unten mehr] hängt wohl von
folgenden Faktoren ab:
A: Wie gravierend die "unrechte" Tat war. Zum Beispiel: eine Unwahrheit;
ein kleiner Diebstahl; jemandem eine Ohrfeige versetzt; ein kleines Tier
getötet; ein großes Tier getötet; jemanden körperlich mißhandelt; jemanden
in große Gefahr gebracht; jemanden gefoltert; jemanden getötet; mehrere
Menschen getötet; viele Menschen getötet.
B: Wie rechtmäßig das "Tribunal", beziehungsweise die untersuchende und
gegebenenfalls verurteilende Instanz ist.
C: Ob ich Teil der Gemeinschaft bin, die die untersuchende und
gegebenenfalls verurteilende Instanz eingesetzt oder autorisiert hat, oder
nicht.
D: In welcher persönlichen Beziehung ich zu der Person stehe, die die Tat
verübt hat. Handelt es sich um einen völlig Fremden, um einen entfernten
Bekannten, einen Freund, einen Verwandten, einen sehr guten Freund, die
Mutter, das eigene Kind?
E: Welche Reaktion der verurteilenden Instanz (oder der Gemeinschaft),
beziehungsweise welche Bestrafung zu erwarten ist. Ist die zu erwartende
Reaktion einigermaßen im Einklang mit meinem diesbezüglichen
Rechtsempfinden?
F: Wie die Folgen für die betreffende Person voraussichtlich sein werden.
Werden sie leicht zu ertragen sein, werden die Folgen schwer sein, wird die
Strafe fatal sein?
G: Was werden die Folgen oder Gefahren für mich sein, falls ich die
betreffende Person schütze und gegebenenfalls falsch aussage?
H: Was dabei für mich herausspringt (was für Vor- und Nachteile mir
erwachsen), je nachdem, ob ich die betreffende Person schütze oder
preisgebe. Zu berücksichtigen sind
1. wie ich mich hinterher auf lange Sicht fühlen werde (Identität,
Charakter);
2. wie meine weitere Beziehung zur betreffenden Person aussehen wird
(Feindschaft, Freundschaft, Enttäuschung, Dankbarkeit, Gleichgültigkeit,
etc.);
3. wie meine Antwort meine Position in der Gemeinschaft beeinflussen wird,
falls ich Teil dieser Gemeinschaft bin.
Und wahrscheinlich noch weitere Aspekte, je nach Fall und Situation.
Was aber bedeutet "die richtige Entscheidung"?
Die meinem Rechtsempfinden folgt? Die dem in diesem Kontext hier und jetzt
geltenden Gesetz folgt? Die mir die meisten Vorteile bringt? Die einen
optimalen Kompromiß zwischen den verschiedenen Aspekten sucht?
Es ist unmöglich, anhand so eines hypothetischen Falles, der zudem noch
allgemein und unspezifisch dargelegt wird, eine allgemeingültige Antwort
über die "richtige Entscheidung" zu treffen. Je nach den oben aufgezählten
Aspekten wird es in unterschiedlichen Einzelfällen sehr unterschiedliche
Antworten geben.
Allgemein kann man jedoch sagen — und das ist sehr wichtig; sehr wichtig
für jeden Menschen, das für sich zu verstehen — daß die richtige
Entscheidung eine ist, mit der dieser Mensch weiterhin mit Selbstachtung
leben kann. Der Verlust der Selbstachtung und somit eine
selbstzerstörerische Wirkung auf die eigene Person und das eigene Leben
kann die Folge einer großen falschen Entscheidung, oder die Folge vieler
kleiner falscher Entscheidungen sein. In diesem Zusammenhang betrachtet,
ist die jeweilige Entscheidung gleichzeitig Ausdruck des Charakters wie
auch charakterbildend. Die je nach Fall und Zusammenhang richtige
Entscheidung zu treffen trägt zu einem guten, starken Charakter und der
Qualität des zukünftigen eigenen Lebens bei. Die richtige Entscheidung in
so einem Fall ist somit ein Baustein des eigenen Selbst. Und
interessanterweise ist die richtige Entscheidung nebenbei auch ein Baustein
für eine "gute" Gemeinschaft. |
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