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Der Titel aphasisches Parodoxon ist natürlich irreführend und ungenau.
Erstens handelt es sich hier nicht um echte „Aphasie“ (einer funktionellen
Störung des Gehirns, bei der das Sprachzentrum betroffen ist) und, damit
verbunden, auch nicht um eine echtes Paradoxon.
Zur Entstehungsgeschichte: Die erste Fassung schrieb ich
etwa im Juni 1992 in San Francisco, nachdem ich während meiner ganzen
Zivizeit über das nachgedacht hatte, was zwei Jahre vorher passiert war,
und zwar im Herbst 1988. Ich befand mich in der 12. Klasse eines
kleinstädtischen Gymnasiums und quälte mich zunehmend mit der
Schwierigkeit, mich klar auszudrücken, in Diskussionen gewissermaßen „auf
den Punkt zu kommen“. Eine Relativierung folgte der anderen, bis die
Zuhörer verständlicherweise fragten, worauf ich denn hinaus wolle. Das war
ziemlich frustrierend, und je mehr ich mich selber unter Druck setzte,
desto komplizierter wurden meine Argumentationen, desto mehr merkte ich,
daß ich mich nicht in der Lage fühlte, einfache und klare Statements
abzugeben. Das führte soweit, daß ich auch im privaten Bereich plötzlich
anfing zu drucksen und mich zu winden, wenn es um was ging. Es war der
Anfang eines Zustands, der mit Unterbrechungen und in unterschiedlicher
Intensität noch ein dreiviertel Jahr andauerte, und den ich damals als
„Ichzerfall“ bezeichnete. Im Nachhinein sehe ich das als eine
langanhaltende Depression, die am 2. Juli 1989 darin kulminierte, daß ich
in Wien in einen Springbrunnen sprang, um mich abzukühlen.
In einer unserer ausgedehnten Diskussionen fand mein Jugendfreund Berti es
ziemlich "paradox", als ich ihm mit größter Eloquenz zu
erklären versuchte, worauf meine offensichtlichen Sprachschwierigkeiten
zurückzuführen seien. Ich war gerade gut drauf.
Auf den Begriff Aphasie brachte mich eine Freundin, die
in ihrem Germanistikstudium gerade dieses Phänomen durchgenommen hatte und
dabei unwillkürlich an mich und meine Verständigungsschwierigkeiten während
des Deutschunterrichts gedacht hatte. Sie war es auch, die in diesen
Deutschstunden oft für mich „dolmetschte“, so daß der Rest des LKs auch
was davon hatte.
Ich selbst erklärte mir das Phänomen durch meinen leidenschaftlichen Hass
auf die Begrifflichkeit. Denken in Begriffen als fatale Vereinfachung der
„Wirklichkeit“. Sprachliches Denken überdeckt und verfälscht die
„Wahrheit“. Von diesem Gedanken konnte ich mich nicht mehr lösen, und
vermutlich entstand dadurch eine positive Rückkopplung, die zu den
gennanten „Sprachschwierigkeiten“ führte. Daß da noch ganz andere
Komponenten im Spiel waren, die entscheidend waren, wurde mir erst Jahre
später bewußt. Die Erklärung mit dem Haß auf die Worte/Begriffe/Theorien
(letztendlich auf Definitivismus) war eine herrliche Verbrämung meines
Unvermögens und half, die wahren Ursachen zu verdrängen. Die waren, kurz
gesagt, entwicklungspsychologischer Natur.
Einige Beispiele aus der Literatur bestärkten mich in
meiner Antipathie gegen die Sprache:
1. Der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal. Hofmannsthal war
Abi-Thema und seine Gedichte hatten mich schon die ganze Zeit sehr positiv
berührt. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von der Ballade des äußeren
Lebens war. Ein dickes Aha-Erlebnis hatte ich dann mit dem Chandos-Brief.
Er hatte meinem lange gehegten Unbehagen endlich Form gegeben: „...die
Worte zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“ und löste einigen
Diskussionsstoff innerhalb des LKs aus.
2. Das Kapitel Unverstandene Wörter in Die unerträgliche Leichtigkeit
des Seins von Milan Kundera. Hier werden Mißverständnisse untersucht
bzw. die unterschiedlichen Assoziationen, die Sabina und Franz bei den
Begriffen „Musik“, „Liebe“ oder „Die Schönheit von New York“ haben. Diese
Gedanken (unterschiedliche Assoziationen, Mißverständnisse) sind freilich
ein Nebenast in meiner Argumentation, meinem damaligen Grundgefühl der
Sprache gegenüber. Aber sie treffen sehr genau die Subjektivität, in der
Menschen Gesagtes oder Geschriebenes verstehen. Hier spielt die
persönliche Bewertung eine große Rolle: „Musik“ bedeutet für Sabina:
lärmende, unerträgliche Beschallung, gegen die man sich nicht wehren kann.
3. Das großartigste Manifest gegen die Begrifflichkeit in deutscher
Sprache hat meiner Meinung nach – ja, wer sonst! – Rainer Maria Rilke in
diesem Gedicht verfaßt:
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Rainer Maria Rilke, 21.11.1898,
Berlin-Wilmersdorf
4. Neulich habe ich was aus einem Buch von Javier Marias (Die Rückseite
des Spiegels?) vorgelesen bekommen, das auch hervorragend zu diesem Thema
paßt (Genaueres werde ich demnächst nachtragen).
In Hofmannsthals Lyrik erscheinen öfters Kinder. Kinder
denken noch nicht so abstrakt, noch nicht so determiniert wie das
Erwachsene notgedrungen tun. Dadurch ist ihr Wahrnehmungshorizont insofern
größer, als sie vieles für möglich halten, was einem als Erwachsener als
Nonsense erscheint. Das Denken von Kindern wird stark von den
sinnlichen Eindrücken bestimmt, die sie umgeben, und sie gehen damit
kreativ um. Sie selektieren und kategorisieren weniger. Ihr Hirn befindet
sich im „Wachstum“ , d.h. entscheidende Verbindungen darin werden erst
aufgebaut. Diese Verbindungen sind nötig, um später im Leben nicht „zu
schwimmen“. Aber gerade dieser Prozeß bewirkt die von mir so angeprangerte
Determiniertheit der Menschen. Eigentlich: Überdeterminiertheit.
Am Anfang meiner Tanzausbildung haben wir einmal ein interessantes
Spiel gespielt. Ich möchte es in Anlehnung an Hofmannsthal „Und
Kinder wachsen auf mit tiefen Augen“ – Spiel nennen. Wir sollten uns
vorstellen, auf einem anderen Planeten, in einer anderen Welt gelandet zu
sein. Wir sollten gar nichts kennen. Zwei Stunden lang begannen wir nun,
diese neue Welt zu „erkunden“. Ziemlich schnell bemerkte ich dabei, daß
sich meine Wahrnehmung radikal veränderte: es gab nicht mehr „Spiegel“,
„Hände“ oder „Heizungsrohre“, ja selbst Beschreibungen wie „rund“ oder
„glänzend“ wurden relativ unwichtig. Hilfreich dabei war, völlig
ungewohnte Perspektiven auszuprobieren, z.B. auf dem Kopf stehend (oder
zwischen den Beinen hindurch) oder sehr nahe an einer Wasserrinne
entlangschauend. Es gab neue, seltsame Formen und Farben, „Dinge“ ohne
Namen und damit verbundene Erfahrungswerte. Wichtig und sehr aufregend
waren ganz einfach die Sinneseindrücke selbst: sie lösten gefühlsmäßig
immer etwas aus, und ich konnte irgendwann spüren, dies ist angenehm, dies
nicht, aber ohne weiterführendes Denken und Assoziieren. Und natürlich hab
ich diesen Zustand sehr genossen, in dem Assoziationen ganz einfach
unterdrückt werden, wahrscheinlich aber nur, weil ich wußte, ich kann
zurückkehren in mein gewohntes Sein. Dieses empfehlenswerte Spiel eröffnet
einem plötzlich ganz neue An-Sichten, eben die Vielzahl von
Betrachtungsmöglichkeiten, die ein experimentierendes Kleinkind hat. Dabei
verändert sich natürlich auch die persönliche Wahrnehmung von
„Wirklichkeit“. Ähnliches hab ich nur unter Drogen kennengelernt. Das
Spiel funktionierte übrigens nur für etwa die Hälfte aller Teilnehmer:
einige konnten „überhaupt nichts damit anfangen“ und langweilten sich,
andere hätten „stundenlang weitermachen können.“
Soviel für heute (9.2.1005)
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