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aphasisches paradoxon
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2005.01.07 | 15:44  |  ontogenetisches   |   posted by lou
entschuldigungsschreiben vom 19.02.1990 an einen deutschlehrer
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Lieber Herr Straube!

Nach bilunarem Deliberiren kam ich zur consecutio finalis, daß meine
fatale Absenz am... im praezedenten Dezennium auf eine akute Irruption meiner präsumtiv insanablen, semperiter latent präsenten mentalen und moralischen Motivationsinsuffizienz, als Studiosus unter Studiosi das Elysium des olympoiden Grauklotzbetonbunkers zu beleben, zu deduzieren sey.

Hochachtungsvollst,

A.B.
Hellibrunna, den 13. Februar 1990

 

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2005.02.05 | 21:27  |  historisches   |   posted by herrlothar
Kommunikationsverlust
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Die folgenden Aussagen zitiere ich nach einem alten Mann aus dem Gedächtnis. Gehört 1981 zu unterschiedlichen Gelegenheiten. Der Wortlaut ist zuverlässig.


"Das Heft!
(Frage: Welches Heft?)
(Pause)
Das .. nebensächliche.
(Frage: Was ist damit?)
(Pause)
Kannst du es aufschrauben?"


"Lieber Ofen, komm herein!"


"Ich hab eine offene Seite."


"Karl! (Pause) Karl! (Pause) Karl!"
(Karin kommt herein: Ja?)

 

COMMENTS 

1 - posted by lou | 2005.02.07 | 11:45

vielleicht das heft von demjenigen, der das aufschrieb? oder gar ein geheimes wichtiges heft (und daher "nebensächlich")? oder: welches heft, das ist nicht wichtig;;; aufschrauben = wohl aufschreiben;;; lieber ofen, ich bete dich an, du brauchst kohlen und ich einen mann! offene seite - vielleicht fühlte er es kalt an seiner seite ziehen (wenn z.b. die decke an der stelle "offen" ist);;; "karl, versüß mich!"

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2005.02.10 | 23:56  |  anal lytisches   |   posted by lou
Das aphasische Paradoxon
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Der Titel aphasisches Parodoxon ist natürlich irreführend und ungenau. Erstens handelt es sich hier nicht um echte „Aphasie“ (einer funktionellen Störung des Gehirns, bei der das Sprachzentrum betroffen ist) und, damit verbunden, auch nicht um eine echtes Paradoxon.

Zur Entstehungsgeschichte: Die erste Fassung schrieb ich etwa im Juni 1992 in San Francisco, nachdem ich während meiner ganzen Zivizeit über das nachgedacht hatte, was zwei Jahre vorher passiert war, und zwar im Herbst 1988. Ich befand mich in der 12. Klasse eines kleinstädtischen Gymnasiums und quälte mich zunehmend mit der Schwierigkeit, mich klar auszudrücken, in Diskussionen gewissermaßen „auf den Punkt zu kommen“. Eine Relativierung folgte der anderen, bis die Zuhörer verständlicherweise fragten, worauf ich denn hinaus wolle. Das war ziemlich frustrierend, und je mehr ich mich selber unter Druck setzte, desto komplizierter wurden meine Argumentationen, desto mehr merkte ich, daß ich mich nicht in der Lage fühlte, einfache und klare Statements abzugeben. Das führte soweit, daß ich auch im privaten Bereich plötzlich anfing zu drucksen und mich zu winden, wenn es um was ging. Es war der Anfang eines Zustands, der mit Unterbrechungen und in unterschiedlicher Intensität noch ein dreiviertel Jahr andauerte, und den ich damals als „Ichzerfall“ bezeichnete. Im Nachhinein sehe ich das als eine langanhaltende Depression, die am 2. Juli 1989 darin kulminierte, daß ich in Wien in einen Springbrunnen sprang, um mich abzukühlen.

In einer unserer ausgedehnten Diskussionen fand mein Jugendfreund Berti es ziemlich "paradox", als ich ihm mit größter Eloquenz zu erklären versuchte, worauf meine offensichtlichen Sprachschwierigkeiten zurückzuführen seien. Ich war gerade gut drauf.

Auf den Begriff Aphasie brachte mich eine Freundin, die in ihrem Germanistikstudium gerade dieses Phänomen durchgenommen hatte und dabei unwillkürlich an mich und meine Verständigungsschwierigkeiten während des Deutschunterrichts gedacht hatte. Sie war es auch, die in diesen Deutschstunden oft für mich „dolmetschte“, so daß der Rest des LKs auch was davon hatte.

Ich selbst erklärte mir das Phänomen durch meinen leidenschaftlichen Hass auf die Begrifflichkeit. Denken in Begriffen als fatale Vereinfachung der „Wirklichkeit“. Sprachliches Denken überdeckt und verfälscht die „Wahrheit“. Von diesem Gedanken konnte ich mich nicht mehr lösen, und vermutlich entstand dadurch eine positive Rückkopplung, die zu den gennanten „Sprachschwierigkeiten“ führte. Daß da noch ganz andere Komponenten im Spiel waren, die entscheidend waren, wurde mir erst Jahre später bewußt. Die Erklärung mit dem Haß auf die Worte/Begriffe/Theorien (letztendlich auf Definitivismus) war eine herrliche Verbrämung meines Unvermögens und half, die wahren Ursachen zu verdrängen. Die waren, kurz gesagt, entwicklungspsychologischer Natur.

Einige Beispiele aus der Literatur bestärkten mich in meiner Antipathie gegen die Sprache:

1. Der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal. Hofmannsthal war Abi-Thema und seine Gedichte hatten mich schon die ganze Zeit sehr positiv berührt. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von der Ballade des äußeren Lebens war. Ein dickes Aha-Erlebnis hatte ich dann mit dem Chandos-Brief. Er hatte meinem lange gehegten Unbehagen endlich Form gegeben: „...die Worte zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“ und löste einigen Diskussionsstoff innerhalb des LKs aus.

2. Das Kapitel Unverstandene Wörter in Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Hier werden Mißverständnisse untersucht bzw. die unterschiedlichen Assoziationen, die Sabina und Franz bei den Begriffen „Musik“, „Liebe“ oder „Die Schönheit von New York“ haben. Diese Gedanken (unterschiedliche Assoziationen, Mißverständnisse) sind freilich ein Nebenast in meiner Argumentation, meinem damaligen Grundgefühl der Sprache gegenüber. Aber sie treffen sehr genau die Subjektivität, in der Menschen Gesagtes oder Geschriebenes verstehen. Hier spielt die persönliche Bewertung eine große Rolle: „Musik“ bedeutet für Sabina: lärmende, unerträgliche Beschallung, gegen die man sich nicht wehren kann.

3. Das großartigste Manifest gegen die Begrifflichkeit in deutscher Sprache hat meiner Meinung nach – ja, wer sonst! – Rainer Maria Rilke in diesem Gedicht verfaßt:


Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke, 21.11.1898, Berlin-Wilmersdorf

4. Neulich habe ich was aus einem Buch von Javier Marias (Die Rückseite des Spiegels?) vorgelesen bekommen, das auch hervorragend zu diesem Thema paßt (Genaueres werde ich demnächst nachtragen).


In Hofmannsthals Lyrik erscheinen öfters Kinder. Kinder denken noch nicht so abstrakt, noch nicht so determiniert wie das Erwachsene notgedrungen tun. Dadurch ist ihr Wahrnehmungshorizont insofern größer, als sie vieles für möglich halten, was einem als Erwachsener als Nonsense erscheint. Das Denken von Kindern wird stark von den
sinnlichen Eindrücken bestimmt, die sie umgeben, und sie gehen damit kreativ um. Sie selektieren und kategorisieren weniger. Ihr Hirn befindet sich im „Wachstum“ , d.h. entscheidende Verbindungen darin werden erst aufgebaut. Diese Verbindungen sind nötig, um später im Leben nicht „zu schwimmen“. Aber gerade dieser Prozeß bewirkt die von mir so angeprangerte Determiniertheit der Menschen. Eigentlich: Überdeterminiertheit.

Am Anfang meiner Tanzausbildung haben wir einmal ein interessantes Spiel gespielt. Ich möchte es in Anlehnung an Hofmannsthal „Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen“ – Spiel nennen. Wir sollten uns vorstellen, auf einem anderen Planeten, in einer anderen Welt gelandet zu sein. Wir sollten gar nichts kennen. Zwei Stunden lang begannen wir nun, diese neue Welt zu „erkunden“. Ziemlich schnell bemerkte ich dabei, daß sich meine Wahrnehmung radikal veränderte: es gab nicht mehr „Spiegel“, „Hände“ oder „Heizungsrohre“, ja selbst Beschreibungen wie „rund“ oder „glänzend“ wurden relativ unwichtig. Hilfreich dabei war, völlig ungewohnte Perspektiven auszuprobieren, z.B. auf dem Kopf stehend (oder zwischen den Beinen hindurch) oder sehr nahe an einer Wasserrinne entlangschauend. Es gab neue, seltsame Formen und Farben, „Dinge“ ohne Namen und damit verbundene Erfahrungswerte. Wichtig und sehr aufregend waren ganz einfach die Sinneseindrücke selbst: sie lösten gefühlsmäßig immer etwas aus, und ich konnte irgendwann spüren, dies ist angenehm, dies nicht, aber ohne weiterführendes Denken und Assoziieren. Und natürlich hab ich diesen Zustand sehr genossen, in dem Assoziationen ganz einfach unterdrückt werden, wahrscheinlich aber nur, weil ich wußte, ich kann zurückkehren in mein gewohntes Sein. Dieses empfehlenswerte Spiel eröffnet einem plötzlich ganz neue An-Sichten, eben die Vielzahl von Betrachtungsmöglichkeiten, die ein experimentierendes Kleinkind hat. Dabei verändert sich natürlich auch die persönliche Wahrnehmung von „Wirklichkeit“. Ähnliches hab ich nur unter Drogen kennengelernt. Das Spiel funktionierte übrigens nur für etwa die Hälfte aller Teilnehmer: einige konnten „überhaupt nichts damit anfangen“ und langweilten sich, andere hätten „stundenlang weitermachen können.“

Soviel für heute (9.2.1005)

 

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"aphasie" (medizinisch) bedeutet so viel wie "verlust der sprache". aphasie verändert die sprachliche kommunikationsfähigkeit, die fähigkeit zu denken bleibt vollkommen erhalten.