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2004.12.23 | 16:23 | schilder schung | posted by lou
franzosenschanze, 5. dezember
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und schon wird er größer, türmt sich auf im näherwerden der blicke: schwarz
und hoch gibt sich der wald zu dieser stunde. etwas stimmt sich in mich
ein: „so groooß?“. ich, der ich mich klein fühle und eigentlich aufs licht
aus war an diesem abend, gebe mich jetzt ins dunkel, mit einer weichen
angst und großem vertrauen, womöglich dies wort: ehrfurcht.
vor dem völligen eintauchen (der berg steht schon als eichen, buchen,
tannen vor mir) bleibt das fahrrad auf dem steg stehen, der über die
schienenstränge des kleinen bahnhofs führt. bahnhöfe, immer wieder
bahnhöfe, denk ich, und das netz aus hell leuchtenden linien, wenn man
hinunter sieht, gegen den sonnenuntergang. es ist der blick ins licht, den
ich mir vorhin im schattigen zimmer aufs gesicht gesehnt hab. ganz weit
hinten liegt eine dünne decke wolken auf dem unermeßlichen gelb.
jetzt nur noch dunkel, fühl ich beim eintauchen, jetzt größe, jetzt tiefe;
aber die nacht, die im wald früher einzieht als über den feldern, ist noch
keine nacht, ja, es ist nach dem abend aber noch vor der nacht: die langen
augenblicke der verzögerung, wenn eine ganz besondere art der stille die
amseln laut werden läßt und die rotkehlchen tickern. warum tschinkern die
amseln ihre aufgeregtheit in den raum zwischen die baumstämme? warum immer
um diese stunde, als ob das hereinbrechende nicht allabendlich die nacht
ist, sondern etwas ungewisses, großes, das ihnen das grausen in die
glieder drückt? die nacht ist groß.
noch allerdings liegt draußen zwischen den stämmen der abend auf den
dächern der stadt. noch spür ich auf dem nacken das starke orange, das
durch die kargen kronen dringt. manchmal zwingt mich diese rein optische
wärme zum umdrehen, und ich vergleiche ein sovieltes mal das leuchten mit
dem beleuchteten.
das rad ist angekettet, ich genieße das feste stapfen der ersten schritte.
sie versinken aufwärts in einer tiefen blätterlawine. die alten äste haben
ihre pflicht getan, ihre fülle dem novembersturm gegeben. es war ein
sonntag wie heute, an dem alles fleckenhafte sich von ihnen löste und, in
wilder orgie mit dem wind verschlungen, nach festem grund in diesem
wirbeln suchte. und aus dem entstandenen fleckenteppich bildet sich braun
nach und nach jener feste grund, aus dem alle bäume bald wieder ihre
flecken holen werden, in einer farbe, die sich meine träume suchen.
dezemberabend jetzt. und wieder ein wundern unter diesem tiefen tor, ich
bin bereitwillig zu pathos aufgelegt: ein schlafender winterpalast, legt
sich der wald über seine wege, raschelnde dezemberwege. und jeder weg im
wald ist wie das märchen, aus dem er lebt. wer glaubt dies nicht? der
märchen nur aus büchern kennt, der draußen sitzt und wege nur für wege
hält wie straßen, der über büchern wacht, der draußen ist, auch wenn er
mitten unter vielen bäumen steht, der denkt geheimnisse zu lösen, wenn er
viele zahlen und sechstausend namen kennt, - der hat den schlüssel, der zu
seinem eigenen hirn noch paßt.
einen ganz anderen eingang hat der wald. ein eingang zu dem weben, das
hinter den grauen rinden wohnt. das holz. der teppich. das recken
unzähliger finger in ein dazwischen. und der lichtstrahl durch dieses
dazwischen, zwischen jenen sechstausend namen. der geruch, der alle
sechstausend zu dem einem wesen macht, und dieses eine birgt doch
unendliche viele märchen.
die tausend ästchen sind jetzt leer, nur die lärchen haben sich verspätet,
ihre wipfel sind mit einem gelben häubchen überzogen, als könnten sie sich
nicht von dem vergnügen trennen, das abendlicht einzufangen.
mein pfad hat sich aufgelöst, und ich muß für eine weile den genuß am
freien gehen durch offene wege aufgeben, muß meine augen aufmachen für
einen unsichtbaren weg aus umwegen. und schon kommt freude auch an diesem
märchen auf, aus dem weicheren grund, dem unmittelbaren knacken
verborgener hölzchen unter den tastenden sohlen, dem suchen der hände nach
ein bischen durchgang in der wirrnis der zweige auf brusthöhe. freude auch
daran, daß ich dem dezemberschlaf im großen winterpalast etwas waches
wieder gebe (was für eine anmaßung!).
ich lege mich, an einem offenen weg angelangt, der länge nach auf eine
bank. dem schlafen der blätter auf dem boden lauschen und dem warten der
zweige unterm himmel zusehn, warten auf tag auf grün auf licht auf singen.
der himmel hat keine farbe, er besteht nur noch aus einer erstaunlich
reinen tiefe hinter den zweigen.
jetzt denk ich mir was in die schwarzen zweige: ich sehe leergepumpte
menschen, seh sie schlaff und faltig aufgehängt, nein, hineingehängt in
starre, schwarze verzweigungen unter der farblosigkeit des himmels. eine
weile versuch ich immer morbidere visionen aufrecht zu erhalten. wie
jämmerlich. das waren versuche meines großstadtdämons, schnellsterbig
ausgeschwitzte fratzen unter die kuppel des großen waldes zu zaubern. was
für ein jämmerliches ende dieser fratzen: mit einem schauer seh ich die
verzweigungen vor dem himmel nur noch deutlicher werden, noch filigraner,
und sie erscheinen mir so wirklich wie in einem traum – wie deutlich
träume sind!
!!! ein schnelles huschen! vor dem gesicht plötzlich ein lautloses
huschen. und gleich wieder eins quer drüber. da geht mir die ganze
lebendigkeit des schlafenden auf: überall zwischen den starren zweigen
entsteht ein weißes flattern, wie substanzlose geister suchen sich
hunderte von hellen flügeln ihren raum. und sind bald hier – und einer
schnell wieder zwischen gesicht und himmel weg – und huschen, taumeln wie
von einem fremden willen getrieben ihrer hochzeit zu. schmetterlinge, die
kleinen durchsichtigen, die für den großen schlaf sind wie ein
aufmunternder traum. wie deutlich ist der traum im wald. wer glaubt dies
nicht.
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warum ich dies poste: weil es dezemberlich, ja nahezu weihnachtlich
angehaucht ist. warum mir beim abtippen dickste zweifel kamen: es stammt
aus einer arg rilkeverseuchten zeit meiner ontogenese, gegen ende des
letzten jahrhunderts, und ich empfinde es durchaus als zumutung für
jetztzeitler wegen seiner sprache: die is so dermaßen altertümlich,
möchtegernliterarisch und obendrein noch plagiatär, daß einem das würgen
kommt. ok, warum ich's doch poste: weil die thematik in meinem leben etwas
verschüttet ist, ich mir wieder mehr davon wünsch, und solcherley
erfühlungen gern mitteile.
wegen der dezemberlichen, ja nahezu weihnachtlichen anwandlungen in dieser
schilderung wollte ich es posten. dann kamen mir dicke zweifel auf: sie
stammt aus einer arg rilkeverseuchten zeit meiner ontogenese, gegen ende
des letzten jahrhunderts, und die sprache erzeugte in mir beim abtippen
ein ziemliches würgen - so dermaßen altertümlich, möchtegernliterarisch
und obendrein noch plagiatär und von einem kaum zu überbietenden pathos.
dann besann ich mich, daß dieser blog pathetische prosa beinhalten soll
und poste es nun doch, hauptsächlich weil mir die thematik eine etwas in
der zeit verschüttete erscheint, auch für mich. und weil ich mir manchmal
mehr und öfter was davon wünsch.
weil das hier geschilderte dezemberlich, nahezu weihnachtlich getüncht
ist, wollte ich es posten. dann kamen mir dicke zweifel beim abtippen: es
stammt aus einer arg rilkeverseuchten zeit meiner ontogenese, gegen ende
des letzten jahrhunderts, und an vielen stellen des textes wenn nicht
sogar durchgängig entsteht so ein würgen, weil das fürchterlich
altertümlich und möchtegernliterarisch und außerdem noch plagiatär klingt.
ich poste es trotzdem, weil mir die thematik eine etwas in der zeit
verlorene erscheint, auch für mich etwas verschüttet, und ich mir mehr und
öfter was davon wünsch. |
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1 - posted by salomon | 2004.12.23 | 23:19

2 - posted by kotzer | 2004.12.24 | 09:00

3 - posted by salomon | 2005.01.03 | 22:15

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2005.01.03 | 20:38 | pseudoliteratur | posted by loechte
Jährliche Besuchszeit
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Bald könnte ich sagen neulich war das so.
Säuerliches Sektengeschwafel schleicht durch die Strassen. Ich ingwere in
meinem Zimmer rum, Tee in den Augen, da klopft es an der Tuer; ich öffne
– Vorsicht an meiner Seite – spähe hinaus, wer steht davor?! - Weihnacht!
Wie es dann weiterging kannste dir ja denken: Ich: “Du?!” Sie tritt ein,
schweigt stille. Nachdenkend über anbietbares Angebot und
nichtofferierungswürdigen Bestand rutscht mir ein räusperndes Tja raus, da
ruft sie im stetigen Creszendo: ”Du Fritsche. Was zitschelst Du? Du und Du
– Du doch was, was anderes kommt dir wohl nich innen Sinn - Hääe!?“
Aber meine Sinne, innen und aussen, werden abgelenkt von einem fernen
Geräusch, das sich den Flur entlangschleicht: Hohl klingend singender
Gesang, wie ihn nur betrunkene Christbaumkugeln hervorbringen können.
„Buschbeugels Brauenbier trinken wir“ skandiert der liderliche Chor und
eiert, um eine braune Bügelverschlussflasche gruppiert, ohne Zaudern ins
Zimmer. Sie kugeln sich aufs Sofa und helfen, ach so freundlich, der
Flasche nach oben in ihre Mitte.
Ich umdrehe mich um die Tür zu schliessen, da latscht Chris Baum rein.
Wortlos, denn wir kennen uns von früher, mit einem ständigem Ständer und
jeder Menge Lametta behängt. Ich hab ihm schon letztes Jahr gesagt, dass
diese Kombination ziemlich schwul aussieht, soll aber nicht mein Problem
sein und tut ja auch nichts zur Sache. Ich schliesse die Tür, lehne mich
dagegen und stelle fest, dass sich Vorsicht bestens mit Weihnacht
unterhält und die Christbaumkugeln, deren laut gegröltes „Stille Nacht“ in
den Tiefen der vergilbten Tapete verklungen ist, sich an den Stapel
Zeitschriften ranmachen, der lustlos auf dem Tisch vor dem Sofa steht. Die
Zeitschriften, oder Magazine, wie sich sich selbst gerne nennen, kichern
und kreischen. Dann und wann, wenn eine von Ihnen ihre Rubrik nicht mehr
halten kann, hört man ein lautes „Lifestyle!“ im Raum oder „Du, da muss
ich dir unbedingt ein paar Ratschläge geben“. Mein ursrünglicher Gast, der
führende litauische Frischfruchtforscher mit Spezialgebiet Zitrusfrüchte,
tut mit Chris exakt das, was er davor mit mir tat: Während er mit
spastischen Bewegungen eine Zitrone in den Händen knetet und deren
sogenannten „Nippel“ massiert, sabbert er aus dem linken Mundwinkel einen
endlosen Speichelfaden und hält stundenlange Monologe ueber die
Unterschiede bei Kern und Fruchtfleisch von Limette und Orange. Chris
reagiert souverän, seiner Natur entsprechend und ohne mit der Wimper zu
zucken, ohne ein Zeichen der Langeweile zu zeigen, entledigt er sich nach
und nach seines gesamten Nadelkleides samt des Lametta. Das was Ich ist,
steht daneben, fühlt sich leicht deplaziert und wünscht sich, jemanden zu
haben um zu fragen was normal ist. Aber nix da und niemand erst recht, es
ging so weiter. Die Kugeln, inzwischen alle blau, schlafen auf dem Sofa.
Wer je eine Christbaumkugel schnarchen hörte vergisst es nie wieder; ein
unbeschreibliches Geräusch. Die Flasche, jetzt so leer wie die Kugeln
voll, hat es sich in einer Ecke auf dem Teppich bequem gemacht. Die
Zeitschriften tratschen unermüdlich miteinander, während ein einsamer
„Wachturm“, der weiss Gott wie den Weg hierher gefunden hat, von Zeit zu
Zeit ein lautes „Sünde! Ein einziger Sündenpfuhl“ brüllt. Chris nadelt,
der Forscher monologisiert, Weihnacht ist besinnungslos und Vorsicht nicht
auffindbar. Und kein Ende in Sicht. Bis schliesslich Weihnachten mit dem
Neujahr abgezogen ist, die Kugeln sich wieder in ihre Schachteln
verkrochen haben, Chris seinen Ständer verlor und deswegen aus Protest
sich selbst verbrennen ging, die Zeitschriften der Obhut des
Pflegeheims
„Container“ übergeben wurden und der Forscher zum Verlassen zwecks
weiterer Forschung veranlasst wurde. Ich bleibe zurück, satt und verhärmt,
in einem öden Chaos. Tja...
Neulich konnte ich noch sagen bald ist es soweit.
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2005.01.07 | 12:46 | gallertgespinst | posted by lou
freudsche mathestunde
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26 april 88
auf der schiefen bahn im nebel im lichtdurchfluteten kasten. ein spalt
leben in der linken oberen kante, der dunst im kopf dringt in alle poren,
der körper schwer und klumpig, die glieder versteifen klebrig. im wilden
wühlen der musik durch alle hirnwindungen wiederholen sich gewisse
ostinatformen.
endlich! jetzt bin ich allein, und mein atem bildet weißen dunst, denn es
is schön kalt. zum glück hab ich einen dicken pelzmantel an. ich hatte
noch nie einen pelzmantel. meine füße stecken tief im schnee und die
sibirische taiga dehnt sich finster in die weite...
wie gerufen kommen auch schon die wölfe. sie traben schnell und zielsicher
auf mich zu, der leitwolf is nur noch drei vier sprünge entfernt.
hoffentlich kann ich die wölfe durch „geistige macht“ beeinflussen: sie
könnten sich zum beispiel im kreis um mich herum versammeln und heulen,
und dann geb ich dem wolf die pfote und schick ihn und seine gesellen weg,
denn die gesellschaft der wölfe is mir doch etwas unangenehm, obwohl es
immerhin eine gesellschaft is.
nein! diese verfluchten wölfe fressen mich doch tatsächlich! mein bein
wird gerade zerfleischt. einer reißt ein stück dünndarm heraus. verdammt,
jetzt gehen sie mir an die gurghhhh - - - ein weißer, menschenähnlicher
körper mit spitzen enden treibt als schaum auf einem tiefblauen meer. im
himmel ist eine sonne. ich bin dieser treibende körper und sehe in die
sonne. sie ist eine schöne hellgelbe blume mit zarten blütenblättern in
einer unendlichen grünen wiese. das himmelsgrün hat keine dimension, es
befindet sich direkt vor meiner nase – wie eine kollage, ist aber ein
unendlicher grüner raum. schweigend in einem weißen schaukelstuhl auf
einem rasen neben einer sehr elegant gekleideten frau in einem anderen
weißen schaukelstuhl zu sitzen – ob ich das bin oder jemand anders, ist
nicht wichtig.
aber bald ist es mir zu leer. ich tauch rückwärts unter, denn ich brauch
gesellschaft. natürlich kann ich das dickflüssige wasser einatmen, durch
das ich gerade mit kraftvollen stößen flieg. nur fällt das einatmen
besonders auf – es is ja schließlich wasser.
da seh ich auch schon die prozession: graue freunde, menschen, die ich gut
kenn, die sich aber zum teil nie gesehn haben – alle grau, faltig grau. zum
glück bin ich hier hinterm felsen im schatten. sie könnten mich ja sehen.
und fangen. und vielleicht fressen. ich weiß: wenn man kraft anwendet,
totschlägt, und dabei auch weiß, wie man es am geschicktesten macht, die
leiber erschlägt, dann hat man macht. deshalb stürz ich mich auf sie. die
armen mädchen, sie können sich ja nicht wehren. jetzt sind sie auch wieder
schön farbig, wie immer: der einmeterfünfundachtzig spannende haarschopf in
übernatürlicher schönheit, der sympathische junge mann mit scheinbar
leidvoll suchendem blick, die weichen lippen mit traurig schüttelndem kopf
in gestreift pastellviolettener bluse, eine stille zu der es mich hinzieht,
wann kommt berti, eine verspielte spanierin, ganz nah jetzt ein
allessagender stummer aus einem gedankentötenden aber frisch haltenden
land...und viele andere, meist kleine, auch vertrauenerweckende alte. und
deshalb und weil alle um mich herum stehen und freundlich lachen, kann ich
den einen und vor allem die andere nur noch leicht drücken, mich dunkelgrün
dagegen lehnen, und dann erinner ich mich noch an eine längst vergessene,
an die ich mich nicht mehr erinnern konnte, jedesmal wenn ich es versucht
hab, die mir jetzt vollblütig begegnet, die aber mit ihrem vater im benz
wegfährt vor dem haus mit der großen dunkeln turnhalle, in der ich fast
niemanden kenn und mich dennoch mit allen verwandt fühle. immernoch fließt
die warme rote tinte weich vom blatt. jetzt hört sie ganz hart auf. aber
die leute sind immernoch nicht ganz tot.
andreas, setzen sich sich o r d e n t l i c h hin oder sie wandern raus!
also, die hinreichende und notwendige bedingung...
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Sich hinzugeben ganz und eine Wonne
Zu fühlen, die ewig sein muß!
Ewig! - Ihr Ende würde Verzweiflung sein.
Nein, kein Ende! Kein Ende!
(Faust zu Gretchen) |
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2005.01.18 | 12:31 | schilder schung | posted by lou
zehn uhr dreißig
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ich bin ja nur ins wasser gestiegen, weil ich wiedermal so fürchterlich
kalte füße hatte. und die hände! wie die einer leiche, und dennoch
beweglich, man könnte vermuten, daß diese rheumatischen fingergelenke
quietschen, wenn man gut hinhört.
das laute fauchen des gasbrenners, ein lautes, stimmhaftes fauchen.
deshalb hab ich ein etwas ungutes gefühl beim baden spät in der nacht. ich
überleg gerade, wie spät es sein könnte. stimmt ja – dallas war grad aus,
als ich zum kasten ging, der knopf rastet ein, dallasmusik, der knopf
rastet aus: also halb elf – zehn uhr dreißig!
ich bin zwar schon mit haut und haaren im einlaufenden wasser, spring aber
dennoch raus und naß durch die wohnung, um 10:30 zu suchen. ich durchstöber
alle schubladen und das gewühl auf meinem tisch, aber selbst die elysia
läßt sich nicht blicken. das wollte ich jetzt mal bewußt nachvollziehn:
10:30 lesen, im bad sitzend, vor allem seit ich weiß, daß es aus der sicht
eines „jungen“ geschildert sein soll. das kommt mir ziemlich komisch vor,
da ich es nicht komisch find, daß männerbeine behaart sind. aber ich heiß
auch nicht sabine, und an die tür klopft auch keiner, die sind meilenweit
fort, ich bin frei. also doch nicht so analog. ich hätte geschrieben, daß
ich es komisch find, so ein längliches anhängsel zwischen den beinen zu
haben, das jetzt im ruhigen wasser hin und her schwimmt.
es ist eine zwickmühle mit dieser wanne: wenn ich die beine, die
behaarten, ins wasser tunk und am kalten wannenrand lehne, dann frier ich
am oberkörper und an den armen, wenn ich mit dem oberkörper ins wasser
zurücksink, dann erfrieren meine knie. so komisch, wie verkürzt die beine
aussehen, wie geknickt die hand durch die brechung an der oberfläche
erscheint. gerade fläche, aus der wrackteile herausragen, verborgene
„snags“ aus dem inneren. alles viel zu klar zu sehn. genau! licht aus! so:
jetzt seh ich nix. das mordsblaue feuer vom gasbrenner. es interessiert
mich, wie das von unten aussieht, man kann ja in diese alte maschinerie
hineinschaun, da sie unten offen is.
kompliziertes umdrehen: mit den beinen hoch, stark geknicktem körper und –
quetsch – jetzt bin ich rum. direkt unter dem heizgerät. schön bewegt isses
dadrinn, blau und violett und hie und da ein gelbliches lodern. ich muß
aufpassen, nicht vom heißen strahl getroffen zu werden. das gestänge über
meiner nase. 100 röhren, leitungen, in denen kaltes wasser, heißes wasser
oder gas fließt, strömt. gespenstisches flackern, irgendwie feierlich.
diese wärme. sie umfaßt alle körperteile. außer die, die herausragen.
dauernd den yessong im ohr, verrückt diese harmonien, rhytmus- und
soundgeflechte, sprünge.
die stellung da is etwas ungemütlich, denn mein kopf kommt dauernd an den
sicherheitsabfluß. mit einem purzelbaum rückwärts wieder rum. dabei ersauf
ich fast, denn ich hab mir mit den knien dies blöde haar festgeklemmt und
der kopf sitzt unter wasser fest. eine sekunde lang panik, ich laß die
hand vom griff an der wand los, und es muß ziemlich gespritzt haben, als
ich endlich den kopf rauszieh.
ersaufen – genau, dasisses: jetzt kann man doch stilvoll selbstmord
begehn. doch nicht mit so ner blöden rasierklinge. nee, einfach rumdrehn
und anstatt der tauchübung einfach umgedreht bleiben. kurz voratmen,
hyperventilieren, dann viel und tief luft rein, gesicht ins wasser
getunkt. jetzt muß ich mich an der nase kratzen, das kostet energie und
sauerstoff. dann werden mir die beine bewußt, die am eiskalten, glatten
wannenrand lehnen. außerdem is meine stellung nicht perfekt – zu seitlich,
nicht richtig wasserleiche. und außerdem geht mir jetzt doch die luft aus
und ich hab keine lust mehr. aber, aber! man muß sich irgendwie verrückt
machen und mit dem gedanken vertraut werden, den absurden tod zu genießen,
ungestört in der wanne. so wie der yogi in indien, der einfach die luft
angehalten hat, bis er tot war, erstickt, nix atemreflex, reflex
ausgetrixx.
ich atem tief, mit dem gesicht über wasser, aber immer noch in
bauchstellung, sie schwarzen strähnen düster vor den augen verflochten und
verzweigt, dann voll konzentriert runter. ich versuch diesen yessong
ausführlich durchzugehn, mich ganz in ihn hineinzuwerfen, er werden.
bewußt kann ich die sinnesempfindungen leider nicht ganz wegzaubern, ich
muß sie überlisten, verdrängen (z.b. kalter beckenrand, aufkommender
atemdrang); ich weiß nicht mehr, in was ich mich dann noch vertieft hab,
so in dieser stellung, aber plötzlich – ich bin schon ziemlich gewillt,
luft zu tanken, da läutet die pendeluhr beim nachbarn unter uns. ich wart
die elf schläge ab, jeweils im abstand von etwa eineinhalb sekunden. dann
hoch. ich war sicher über zweieinhalb minuten unten. wieder sehen.
die lichter von draußen, gespiegelt im handspiegel an der
gegenüberliegenden wand, die fußspitzen, schwärzer als das
darunterliegende wasser, wie teufelsohren. so komisch wieder die gelenke
im wasser, so krumm. ich versuch, die beine schön parallel anzuziehn und
eine hocke zu machen, wie die turner bei ihren doppelsalti. ich merk, es
sieht zu sehr nach geburtsstellung aus, wenn man die beine
auseinandernimmt, mach deshalb ein paar wehenartige bauchzuckungen.
außerdem merk ich, daß man ein ganz anderes blickfeld haben muß, wenn man
ncoh den busen, die zwei hügel, dazwischen hat. eine frau sieht ihre
dinger auch nie von unten, höchstens mit spiegel. so wie als kleines kind
das arschloch interessiert.
jetzt bin ich schon zu lang im heißen wasser gesessen, fühl mich total
aufgeblasen, vollgesogen durch osmose. die füße jetzt schon richtig
quälend warm. alles warm. natürlich: jetzt muß kaltes dazu. also
aufgedreht, den genuß der kühlung an den beinen, noch mal rum, den kopf an
die kalte quelle, plötzlich durst, und laß den glatten kalten strahl auf
die lippen, in die lippen blasen, fallen, drücken, bis mir die zähne weh
tun.
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heilbronn, dezember 1988
bezieht sich teilweise auf eine shortstory einer frau namens sabine, in
der auch ein wannenbesuch um 10:30 uhr beschrieben wird. elysia ist die
schülerzeitung des geilbronner gymnasions. |
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